[Rezension] Roberta und Henry

Meine Mama meinte immer, ich sollte stolz auf meinen Hals sein. Sie sagte, andere Tiere würden sonst was für so einen Hals geben. Klar, sicher doch … – Jory John

Inhalt
Die Giraffe Roberta ist sehr unzufrieden. Denn: Ihr langer, dünner, scheckiger Hals macht ihr zu schaffen. Im Vergleich zu den Halsen anderer Tiere macht ihr Hals einfach gar nichts her. Und jeder schaut ihn ständig an, das geht ihr auf die Nerven! Also versucht sie alles, um von ihrem Hals abzulenken. Sie schmückt ihn mit Schals und Krawatten und versteckt ihn hinter Bäumen und im Fluss. Aber es hilft alles nichts. Ihr Hals bleibt! Dann trifft sie auf die Schildkröte Henry, die ihren langen Hals bewundert – nein, sie sogar geradezu darum beneidet. Und als Roberta Henry mit ihrem langen Hals bei einer Sache behilflich sein kann, ist das der Beginn einer großartigen Freundschaft.

Meine Meinung
Wer kennt es nicht? Man ist mit einer Sache an sich unzufrieden – sei es die Frisur, die Nase, das Gewicht, die Körpergröße oder die Stimme. Es gibt vermutlich die unterschiedlichsten Problemzonen. So ergeht es auch Roberta, deren Problemzone in dem Bilderbuch Roberta & Henry ihr Hals ist. Der ist ja eigentlich das Markenzeichen einer Giraffe und wird vermutlich von den meisten auch als besonders schön oder bewundernswert betrachtet. Nur halt eben von Roberta nicht – denn Schönheit ist subjektiv, und gerade deshalb kann es manchmal schwer sein, sich selber schön zu finden und so zu lieben, wie man ist.

Die Geschichte fängt damit an, dass Roberta aufzählt, was ihr an ihrem Hals alles nicht gefällt. Und weil das so ist, fühlt sie sich wegen dieser Problemzone auch ständig von anderen Tieren beobachtet – der sogenannte Spotlight-Effekt. Um nicht immer wegen ihres Halses angeguckt zu werden, versucht sie alles mögliche, um diese Problemzone loszuwerden oder zu kaschieren. Diese Versuche sind leider sehr erfolglos, denn so einen langen Hals kann man schlecht verstecken. Und das ist ja auch kein Zustand. Die nächste Stufe ist also Frust. Warum nur wurde Roberta mit so einem Hals gestraft, wo doch andere Tiere viel schönere Hälse hat. Als sie dann Henry trifft, kehrt sich dieser Frust allmählich. Denn Henry sagt, wie toll er ihren Hals findet und wie gerne er einen solchen hätte. Denn: sein Hals ist viel zu kurz. Und dann merkt Roberta, wie nützlich so ein langer Hals auch sein kann und fängt an, ihn allmählich zu akzeptieren.
Die Geschichte bietet so viele Identifikationsmöglichkeiten für Kinder (und Erwachsene). Jeder hat mit irgendwas an sich ein Problem und hat dann das Gefühl, dass es wahrscheinlich jedem auffällt. Und dann macht man Diäten, geht zum Friseur, spart Geld für neue Kleidung oder setzt die Brille, obwohl man sie eigentlich braucht, nicht mehr auf.

Die beiden Charaktere Roberta und Henry könnten unterschiedlicher wohl nicht sein. Gerade Roberta dient als wichtige Identifikationsfigur, da sie erst sehr unzufrieden mit sich ist, aber durch ihren neuen Freund nach und nach anfängt, sich selbst zu akzeptieren (und vielleicht sogar zu liebe?) – so wie sie ist. Das macht Kindern Mut, sich ebenfalls zu akzeptieren und ihre Schwächen zu ihren Stärken zu machen. Denn was man selber blöd findet, findet ein anderer vielleicht ganz toll.
Interessant finde ich, dass die Giraffe im englischen Original Giraffe Problems männlich ist – dort heißt sie Edward. Im deutschen Bilderbuch sollten wohl beide Geschlechter abgebildet werden, weshalb aus Edward kurzerhand Roberta wurde.

Der Text ist sehr abwechslungsreich. Er wechselt zwischen dem Monolog von Roberta zu Beginn zu einem Dialog mit Henry. Zu Beginn sind die Sätze weitestgehend kurz und bestehen zum Teil sogar nur aus einzelnen Wörtern. Erst gegen Mitte des Buches, als Henry auftaucht, werden die Sätze länger. Als Henry von seinem Problem erzählt, werden die Sätze allerdings recht lang. Das kann vereinzelt beim Vorlesen auch recht störend sein, weil man sich gerne mal verhaspelt. Ein weiterer Stilbruch liegt in der Sprache. Diese wechselt gerne mal zwischen umgangssprachlich, kindlicher Sprache und hochgestochen – muss man mögen. Es ist auf jeden Fall eine gute Möglichkeit, Kinder mit unterschiedlichen Formen von Sprache bekannt zu machen. So können sie auch unbekannte Sprache kennenlernen. Ansonsten ist der Text sehr lustig und locker geschrieben, was mir gut gefällt.

Normalerweise ist auf den Seiten nicht zu viel Text oder er ist in so viele kleine Sätze oder einzelne Wörter aufgeteilt, dass es nicht so auffällt. Nur auf einer Seite (dem Monolog von Henry) hat man im Vergleich zum restlichen Buch das Gefühl, von Text erschlagen zu werden. Das finde ich persönlich nicht ganz so schön. Ansonsten ist der Text in zwei unterschiedlichen Schriftarten, in unterschiedlichen Größen und unterschiedlichen Farben, die jeweils die verschiedenen sprechenden Tiere darstellen sollen. So ist die Schrift des Löwes gelb, die von Roberta braun wie ihre Flecken und die von Henry grün wie sein Körper (nur nicht in demselben Grünton, was ich nicht ganz verstehe).

Nun aber zu den Illustrationen, die meiner Meinung nach das Bilderbuch stark aufwerten. Während der Text und dessen Aufmachung einige Schwächen aufweisen, sind die Illustrationen vollkommen. Der bekannte Illustrator Lane Smith, der bereits Werke von Dr. Seuss illustriert hat, verwendet hier einen ganz besonderen Stil mit einer Kratztechnik, die wunderbar Strukturen erschafft. Die Farbwahl ist sehr passend für das Setting Afrika und die dargestellten Tiere. Alles wirkt sehr natürlich, die Farben sind überwiegend dezent und ruhig. Es überwiegen Erd-, Braun- und Gelbtöne. Dennoch gibt es vereinzelt Farbakzente, die herausstechen, wie die Farben der Schals, Krawatten und Fliegen oder der grüne Körper der Schildkröte. Die Illustrationen variieren auch insofern, als dass es mal ganze Szenen gibt, die dargestellt werden, oder auf einer Doppelseite mehrere unterschiedliche Szenen in einer Abfolge abgebildet sind – getrennt durch eine Trennlinie, sodass es fast etwas comicartiges hat. Die Illustrationen erzählen oft auch über den Text hinaus und sind nebenbei nicht nur niedlich, sondern auch lustig.

Insgesamt eine schöne Geschichte über zwei ungleiche Freunde, die auf der Textebene kleinere Mängel aufweist. Diese werden allerdings durch die wundervollen Illustrationen, die Identifikationsmöglichkeiten und die schöne Message der Geschichte wieder ausgebügelt, sodass ich dem Bilderbuch dennoch 5 Sterne gebe.

Das Bilderbuch wurde mir als Rezensionsexemplar vom Carlsen Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür! Ihr erhaltet es u.a. hier.

Besondere Einsatzmöglichkeiten
Auch dieses Bilderbuch kann in den Unterricht in der Grundschule integriert werden. Im Literaturunterricht kann es als Anlass genommen werden, um über Themen wie Selbstliebe, Freundschaft und Hilfsbereitschaft zu sprechen. Außerdem können die Kinder über ihre eigenen Problemzonen nachdenken oder sogar reden und reflektieren, was an ihren Problemzonen vielleicht besonders ist und warum diese auch etwas Positives haben. Die Kinder sollten dabei idealerweise zu dem Schluss kommen, dass jeder schön ist, so wie er ist und dass niemand perfekt ist.

Das Bilderbuch eignet sich aber auch, um die direkte Rede und deren Zeichen einzuführen. Diese werden in dem Bilderbuch nämlich nicht verwendet, da es durchweg in Dialogen geschrieben ist und die direkte Rede eines jeweiligen Charakters durch unterschiedliche Farben gekennzeichnet ist. Außerdem könnten die Schüler ausgehend von der Geschichte eigene Dialoge in dem Stil schreiben oder sogar ein eigenes Tier wählen und sich für dieses eine Problemzone ausdenken. Ausgehend davon könnten sie dann eine ähnliche Geschichte schreiben, in der das Tier am Ende ein anderes Tier trifft. Als Beispiel wäre ein Krokodil zu nennen, dass seine kurzen Beine nicht mag – dieses trifft einen Flamingo, der seine langen Beine nicht mag. Bei einer derartigen Schreibaufgabe kann sehr gut differenziert werden. So können einige Kinder vielleicht nur schreiben, was das Tier an sich nicht mag, während andere Kinder eine ganze Geschichte im Stil des Bilderbuches schreiben.
Auch für Rollenspiele eignet sich die rein dialogische Geschichte hervorragend.

Buchdetails
Autor: Jory John – Illustrator: Lane Smith – Übersetzer: Andreas Steinhöfel – Herausgeber: Carlsen – Erscheinungsjahr: 2019 – Buchlänge: 40 Seiten – Altersempfehlung: ab 4 Jahren – Preis: 15 € – ISBN: 978-3-551-51944-3

Bildquelle: Carlsen Verlag

2 Antworten auf „[Rezension] Roberta und Henry

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