Bilder- und Kinderbücher gegen das Vergessen

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 fanden zur Zeit des Nationalsozialismus die Novemberpogrome (auch: Reichspogromnacht) statt, bei denen jüdische Geschäfte und Synagogen in Brand gesetzt und zerstört wurden. Außerdem wurden tausende Juden von den Nazis misshandelt oder sogar getötet. Daher wird jedes Jahr am 9. November der vielen Opfer des Holocaust gedacht. In einer Zeit, in der der Fremdenhass und der Antisemitismus wieder sehr präsent sind, ist es wichtig, dass auch Kinder für das Thema sensibilisiert werden – zum Beispiel mit Bilderbüchern und Kinderbüchern über die Zeit und die Opfer.

Annes Baum

Inhalt
Ein alter, von Pilzen befallener Kastanienbaum in einem Garten zwischen der Kreizersgracht und der Prinsengracht in Amsterdam erinnert sich an ein Mädchen, das vor siebzig Jahren in der Prinsengracht 263 gelebt hat, in einem Versteck, eingesperrt wie in einem Käfig. Das Mädchen war Anne Frank, die sich zusammen mit ihrer Familie vor den Nationalsozialisten verstecken musste. Und während sie aus dem Fenster sah, sah sie den Baum – der ihr den Wechsel der Jahreszeiten zeigte und so Hoffnung in einer dunklen Zeit spendete. Und so schrieb sie in ihrem Tagebuch über den Kastanienbaum, ebenso wie über ihre Gefühle, Hoffnungen und Träume.

Meine Meinung
Im ersten Bilderbuch geht es um das jüdische Mädchen Anne Frank, die zur Zeit des Nationalsozialismus lebte und nach dem Krieg durch ihr Tagebuch berühmt wurde. Ihre Geschichte berührt nach wie vor viele Menschen und neben dem Original gibt es auch einige Bilderbücher, die Annes Leben thematisieren und so bereits Kindern ermöglichen, etwas über die Zeit und die Ungerechtigkeiten zu erfahren, die Anne Frank, ihrer Familie und vielen anderen Juden widerfahren sind.

Erzählt wird in diesem Bilderbuch aus der Perspektive eines Kastanienbaumes, der bis zu seinem Tod im Jahr 2010 in der Prinsengracht stand und daher auch die Zeit des Nationalsozialismus miterlebte – ein ganz besonderer, aber leider stummer Zeitzeuge. In diesem besonderen Bilderbuch bekommt er eine Stimme und kann endlich erzählen, was sich damals zugetragen hat. Aber welche Rolle spielte der Baum in Annes Leben und in ihrem Tagebuch? Von dem Versteck in der Prinsengracht 263 aus konnte Anne den Baum aus einem Fenster sehen und schrieb in ihrem Tagebuch über ihn. Für sie spendete der Baum Hoffnung, denn er zeigte ihr, dass jede schwere Zeit ein Ende hat und jeder Frühling einen Neuanfang bringt.

Neben der Erzählung des Baumes in der Ich-Perspektive gibt es in diesem Buch auch einige Zitate aus Anne Franks Tagebuch, die sich durch die kursive Schrift vom Text hervorheben. In diesen Textstellen geht es um den Baum, den sie von ihrem Versteck aus so oft beobachtet hat. Mal beschreibt sie, wie er im Winter aussieht, mal, wie er einen prachtvollen Frühling einläutet. Und immer fragt sich der Baum, woran Anne wohl gedacht haben muss, als sie ihn betrachtet hat. Neben den Ausschnitten aus dem Leben von Anne werden auch die Themen Antisemitismus, Holocaust und Krieg kurz thematisiert. Wir erfahren über die Ver- und Gebote für Juden, über die Angriffe und Zerstörungen in Amsterdam und über die Abtransporte von Juden in Konzentrationslager.

Die Illustrationen spielen in diesem Bilderbuch eine ganz besondere Rolle. Wie auch der Text sind sie sehr bildhaft und symbolisch. Im Vordergrund steht der Baum, der oft abgebildet wird – mal mit leuchtenden Blättern im Herbst, mal mit voller, schattenspendender Blätterpracht im Sommer, und mal mit den ersten Blüten im Frühling.
Aber auch Anne und ihre Familie werden gezeigt und in ihren Gesichtern spiegelt sich die Angst und die Traurigkeit wider. Die Soldaten werden immer von hinten, in Uniform und mit Helmen dargestellt, als gesichtslose und brutale Männer, einer gleicht dem anderen. Die Zeichnungen sind weitestgehend mit Bleistift realisiert, aber es gibt auch vereinzelt Farbakzente – Kastanienblätter in rot oder braun, der gelbe Davidstern oder die roten Fensterrahmen im Versteck. Aber auch dunklere Farben werden verwendet, etwa ein Rotbraun und Schwarz. Sehr berührend ist das Bild von einem spielenden Jungen vor den flammenden, zerbombten Häusern und am Ende der Maschendrahtzaun, der für das Konzentrationslager steht und in dem sich ein Kastanienblatt verfangen hat.

Dieses Bilderbuch ist ein wahrer Schatz, der auf eine einfühlsame, aber auch ehrliche und berührende Art und Weise von einer grausamen Zeit und vielen traurigen Schicksalen erzählt. Durch die Vermutungen, die der Baum über Annes Gefühle, ihre Hoffnungen und Wünsche anstellt, wird Empathie für das Mädchen und die anderen Opfer entwickelt. Die Bilder tragen einen wichtigen Beitrag dazu bei, denn sie veranschaulichen genau, wie Anne und ihre Familie sich gefühlt haben müssen – eingesperrt wie in einem Käfig. Das Bilderbuch kann sehr gut bereits in der Grundschule vorgelesen und behandelt werden.

Buchdetails
Autorin: Irène Cohen-Janca – Illustrator: Maurizio A. C. Quarello – Übersetzer: Tobias Scheffel – Herausgeber: Gerstenberg – Erscheinungsjahr: 2011 – Buchlänge: 40 Seiten – Altersempfehlung: ab 8 Jahren – Preis: 13,95 € – ISBN: 978-3-8369-5393-1

Bildquelle: Amazon.de

Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar vom Gerstenberg Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür! Ihr erhaltet es u.a. hier.

Blumkas Tagebuch

Inhalt
Blumka ist ein Mädchen, das zusammen mit anderen Kindern im jüdischen Waisenhaus von Janusz Korczak lebt. In ihrem Tagebuch erzählt sie über die anderen Kinder, über ihre Erlebnisse und Tage im Waisenhaus und über Doktor Korczak. Doch Blumka lebt zur Zeit des zweiten Weltkrieges und so kommt es, dass sie und die anderen Kinder eines Tages abgeholt werden, um sie mit dem Zug in ein Konzentrationslager zu bringen. Aber Janusz Korczak lässt sie auch auf diesem letzten Weg ihrer viel zu kurzen Kindheit nicht allein…

Meine Meinung
Dieses schon etwas längere Bilderbuch habe ich in einem Seminar kennengelernt. Mich hat die Geschichte von Janusz Korczak, die in diesem Bilderbuch natürlich nur bruchstückhaft und aus der Perspektive eines Kindes erzählt wird, direkt sehr berührt. In diesem Buch scheint es zunächst eher um Blumka und die anderen Kinder im Waisenhaus zu gehen – über alltägliche Dinge, Freundschaft, Traurigkeit, Hoffnung und Herzenswünsche. Blumka stellt sich selbst und elf andere Kinder vor. Jedes Kind ist unterschiedlich, hat andere Interessen, Schwächen und Stärken. Jedes Kind hat sein oder ihr Päckchen zu tragen – denn alle sind im Waisenhaus, haben keine Eltern mehr.

Die Kinder in diesem Buch sind fiktiv (ja, es gab das Waisenhaus, aber die Kinder hier sind frei erfunden), aber Janusz Korczak und einige andere Erwachsene in der Geschichte lebten wirklich – und somit ist das Buch auch in Teilen eine Biografie und eine Hommage, nicht nur in Bezug auf die eher innovativen Erziehungsansätze von Doktor Korczak, sondern eben auch an seine Taten und an seine Großherzigkeit – bis in den Tod hinein.
Der zweite Teil wird weitestgehend Korczak gewidmet. Hier werden in einer kindgerechten Sprache seine Erziehungsmethoden erläutert, die sehr auf das Wohlergehen und Mitbestimmungsrecht der Kinder ausgerichtet waren – und so vereinzelt auch heute in Kindergärten und Grundschulen noch verwendet werden.

In der Geschichte selbst werden der Nationalsozialismus, der Holocaust und der zweite Weltkrieg nicht direkt angesprochen – bis auf den Abtransport ganz am Ende. Hier wird allerdings nur gesagt: „Danach kam der Krieg, der auch Blumkas Tagebuch mit sich fortriss.“. Wir erfahren im Text nicht, dass die Kinder ins Konzentrationslager gebracht wurden und Janusz Korczak sie begleitet hat. Auch erfahren wir nicht direkt, dass Blumka, die anderen Kinder und Korczak im Konzentrationslager umgebracht wurden.

Etwas anders sieht es auf den Bildern aus. Diese sind alle in gedeckten Farben gehalten und auf alt gemacht. Außerdem verwendet Chmielewska eine interessante Mischtechnik aus Zeichnungen und Collagen. Die Illustrationen sind sehr detailliert und enthalten viele versteckte Hinweise und Interpretationsmöglichkeiten. Es gibt einige jüdische Symbole (Torazeiger, Davidstern, Judenbuche…), aber auch Hinweise auf den Holocaust. So sieht man auf einer Seite eine zerbrochene Glasscheibe, in der der Umriss des Davidsterns zu sehen ist – ein Hinweis auf die Reichspogromnacht? Auch haben viele Kinder sehr kurze Haare, was auf ihre Zeit im Konzentrationslager anspielen könnte. Auch die Blumen, die vereinzelt abgebildet sind, weisen auf das Schicksal der Kinder hin. Es sind allesamt Trauerblumen, wie das Vergissmeinnicht oder die weiße Lilie. Auf der vorletzten Seite sehen wir den letzten Wagon eines Zuges und einen Torazeiger, der darauf zeigt. Hierdurch erfahren wir über den Abtransport der Kinder.

Auch dieses Bilderbuch hat mich vom ersten Moment an begeistert. Die Art und Weise, wie hier die schwierigen Themen erzählt werden, nämlich allein auf der Bildebene und somit für Kinder, die in die deutsche Geschichte noch nicht eingeführt wurden, unentdeckt, macht dieses Bilderbuch zu einem Werk für Jung und Alt. Die Geschichte selbst ist bereits für Kinder ab etwa 8 Jahren geeignet, mit älteren Kindern kann vor dem Hintergrund des geschichtlichen Wissens auch die Bildebene genauer betrachtet und interpretiert werden.

Buchdetails
Autorin & Illustratorin: Iwona Chmielewska – Übersetzer: Adam Jaromir – Herausgeber: Gimpel Verlag – Erscheinungsjahr: 2011 – Buchlänge: 64 Seiten – Altersempfehlung: ab 10 Jahren – Preis: 29,90 € – ISBN: 978-3981130065

Bildquelle: Amazon.de

Das Buch habe ich mir selbst gekauft und stelle es hier aus Überzeugung vor. Ihr erhaltet es u.a. hier.

Kinder mit Stern

Inhalt
Plötzlich ist Krieg. Und die Deutschen greifen die Niederlande an. Viele jüdische Familien versuchen, vor den Deutschen zu fliehen. Aber es gelingt nicht allen. Durch die Deutschen haben jüdische Kinder kaum noch Rechte. Sie dürfen nicht mehr auf den Spielplatz, nicht mehr mit der Straßenbahn fahren und auch nicht mehr in den Zoo. Warum?, fragen sie sich. Was haben wir falsch gemacht? Leider wissen auch die Eltern und anderen Erwachsenen oft keine Antwort auf diese Fragen. Und plötzlich stehen die Deutschen vor den Türen und holen die Familien ab.

Meine Meinung
Dieses schon etwas längere Buch ist in drei Teile gegliedert: „So fing es an“, „Im Lager“ und „Frieden“. Der erste Teil behandelt den Kriegsanfang und die Besetzung der Niederlande durch die Deutschen. Hier erfahren wir in mehreren Kapiteln à 3-4 Seiten aus der Sicht unterschiedlicher jüdischer Kinder, was sich für sie alles verändert. Von der Angst, angegriffen zu werden, von Fluchtversuchen und Verboten, die sie in ihrem bisherigen Leben einschränken. Pro Kapitel kommen neue Verbote und Einschränkungen hinzu und die Kinder können bald kein normales Leben mehr führen – von verbotenen Schulbesuchen bis hin zu der Angst, von den Deutschen abgeholt zu werden. Und in den letzten Kapiteln werden sie dann wirklich abgeholt – und so handelt der zweite Teil des Buches vom Leben im Lager Westerbork.

Jedes Kapitel wird durch eine eher allgemein klingende Überschrift eingeleitet, etwa ‚Der Unterschied‘ oder ‚Der Schrank‘. Hier können die Kinder gut miteinbezogen werden und unter Berücksichtigung der Thematik Vermutungen anstellen. Die Bedeutung der Überschriften ergibt sich immer im Laufe des Kapitels, manchmal auch erst am Ende.

Die Kinder stellen viele Fragen, die als Anlass für Gespräche genutzt werden können. Mal wissen die Eltern im Buch die Antwort, mal wissen sie sie nicht. Und auch heute können sich viele Menschen nicht erklären, warum die Juden so behandelt wurden. Weil sie anders waren? „Anders ist doch gerade schön?“ fragt die kleine Klaartje. Und wie recht sie hat! Aber eben leider nicht zur damaligen Zeit. Peu à peu steigert sich die Angst, das Leben der Kinder und ihrer Familien ist immer mehr gefährdet – und auch als Leser fiebert man mit, sogar, wenn man schon weiß, was passieren wird. Die Kinder bekommen mit, wie Nachbarn abtransportiert und mit Zügen weggebracht werden. Aber so richtig verstehen sie es nicht – und sehen immer noch das Gute in den Menschen, auch in den Deutschen. Gerade diese Stellen regen vor dem Hintergrund unseres heutigen Wissens sehr zum Nachdenken an – auch mit Kindern.

Aber trotz der düsteren Zeit gibt es immer wieder Momente, in denen die Kinder Hoffnung haben oder sogar Freude empfinden. Auf der einen Seite haben sie natürlich als Kinder noch nicht den genauen Einblick in das, was ihnen angetan wird – dieser kommt erst mit der Zeit. So freut sich Rosa anfangs darüber, dass sie an ihrem Geburtstag endlich auch einen aufgenähten Davidstern bekommt – weil sie jetzt wirklich ein großes Kind ist. Aber auch Momente der Freundschaft, des Zusammenhalts und der Liebe werden geschildert und spenden Licht in den dunklen Zeiten – und sogar im Konzentrationslager.

Jedes Kapitel wird durch kindgerechte Illustrationen begleitet, im Stil wie auf dem Cover. Mal sind die Bilder recht farbenfroh, mal sind sie sehr dunkel und stellen eine bestimmte Atmosphäre dar. Die Bilder sind ebenfalls aus der Perspektive der Kinder gemalt, sodass bestimmte Möbel oder Personen sehr viel größer wirken, als sie in Wahrheit sind.
Außerdem befinden sich in dem Buch auch drei Zeichnungen von Leo Meijer, der in dem Buch ebenfalls eine Rolle spielt und 1944 im Konzentrationslager in Auschwitz umgebracht wurde.

Ein sehr gelungenes und absolut empfehlenswertes Buch, das aus der Perspektive vieler jüdischer Kinder erzählt, wie sie diese düstere Zeit miterlebt haben – basierend auf Erinnerungen von Zeitzeugen und Opfern. Ein Buch, das zum Nachdenken anregt, zum Fragenstellen einlädt und zeigt, dass jedes Kind Träume, Wünsche und Hoffnungen hat – ganz gleich, an welche Religion es glaubt oder woher es kommt. Das Buch eignet sich aufgrund der Textfülle, der kleinen Schrift, aber auch der Thematik, der tieferen Einblicke in den Holocaust und der vielen traurigen Schicksale erst für Kinder ab etwa 10 Jahren.

Buchdetails
Autorin: Martine Letterie – Illustratorin: Julie Völk – Übersetzerin: Andrea Kluitmann – Herausgeber: Carlsen – Erscheinungsjahr: 2019 – Buchlänge: 128 Seiten – Altersempfehlung: ab 10 Jahren – Preis: 11 € – ISBN: 978-3-551-55762-9

Bildquelle: Amazon.de

Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar vom Carlsen Verlag zur Verfügung gestellt. Ihr erhaltet es u.a. hier.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.